Manuel Fröhlich Historisches

Der junge Herzog

Genussfreund Herrlaus hat mich auf einen wunderbaren Archivbeitrag von Spiegel TV aus dem Jahr 1999 hingewiesen. Der Film Zigarrenkult – Kubas Quasi-Monopol widmet sich ausschliesslich der Havanna-Zigarre, immer wieder kommt der – damals natürlich noch etwas jüngere – Dr. Maximilian Herzog zu Wort. Zu sehen sind die Trinidad-Premiere bei Maximilian Herzog in Berlin und Bilder vom «Habanos-Festival 2000» mit dem Auftritt von Fidel Castro.

Ein tolles Stück Zeit- und Branchengeschichte!

Das grosse Thema der Branche war damals die geplante Ausweitung der Produktionsmengen. Heute wissen wir, dass die Qualität der dann folgenden Jahrgänge tatsächlich Probleme bereitete.

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«Ein Leben für den Tabak»

In der Basler «Spatz-Zeitung» ist der Artikel «Ein Leben für den Tabak» erschienen, eine längere Abhandlung über das Leben von Zino Davidoff und den Aufstieg der Marke Davidoff, verfasst von Weltwoche-Wirtschaftschef René Lüchinger. Es ist vielleicht der am besten recherchierte Text über die Geschichte von Davidoff, den ich bisher gelesen habe. Der folgende Auszug beschreibt die legendäre Havanna-Verbrennungsaktion nach dem Bruch mit Kuba:

Es ist der 11. Juli 1988. Ein Mittwoch. In der Kehrrichtverbrennungsanlage an der Basler Hagenaustrasse gehen unter den Augen der Schweizer Zollbehörden einhundertunddreissigtausend Havanna-Zigarren, fünftausendzweihundert Kisten à fünfundzwanzig Stück, in Rauch auf. Es ist eine gewollte Brandstiftung. Jahrelang hatte Zino Davidoff mit den Kubanern gut geschäftet, «auch mit Fidel Castro», wie er zu berichten pflegt. Doch dann wurde die gelieferte Qualität immer schlechter und Zino Davidoff beschleicht zunehmend das Gefühl, dahinter könnte Absicht und System von Cubatabaco stecken, mit dem Ziel, den lukrativen Markt für kubanische Zigarren gänzlich in die eigene Hand zu bekommen. Nach jahrelangem zermürbendem Kleinkrieg zieht der grosse, alte Mann im internationalen Zigarrenbusiness die Reissleine, kündigt den Vertag mit Cubatabaco und lässt deren Erzeugnisse in der schmucklosen Kehrrichtverbrennungsanlage zu Basel als Rauch gen Himmel steigen.

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Montehiba öffnet das Kistchen

Regelmässige Cigar-Blog-Leser werden sich noch an unsere Bewerbung um die Einsitznahme in das Tastingpanel des Montehiba-Blogs erinnern. Der Montehiba-Blog erhielt letztes Jahr von Zigarrenkapazität Min Ron Nee überaus alten und kostbare Vintage-Havannas, verpackt in einem noch versiegelten Kistchen. Im neuen Cigar Journal, das seit heute erhältlich ist, ist ein Artikel über die Zigarren der Marke «Sol» erschienen, die wahrscheinlich zwischen 1936 und 1940 produziert wurde. Das Kistchen wurde vor laufender Kamera geöffnet. Die beiden ersten Teile des Videos sind bereits in der Video-Rubrik des Cigar Journals verfügbar.

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Loblied auf einen enteigneten Unternehmer

In der Schweiz gibt es sie schon länger, jetzt ist sie auch in Deutschland eingetroffen: Die ausgezeichnete Partagás Serie E No. 2. Habanos-Importeur 5th Avenue hat zur Lancierung eine Medienmitteilung veröffentlicht und rollt darin die bewegte Geschichte von Partagás auf. Bei der Lektüre komme ich ein bisschen ins Grübeln. Ist es eigentlich korrekt und anständig, dass sich Habanos auf die Erfolge und das Schaffen des Unternehmers Jaime Partagás beruft und dabei ein kleines aber wichtiges Detail ausspart, dass nämlich seine Nachfahren bzw. die späteren Besitzer von Partagás vom kubanischen Staat enteignet und aus dem Land gejagt wurden? Ich finde, über diese Frage darf man durchaus einmal nachdenken (ich nehme mich selber davon nicht aus). Dass das Erbe der Enteigneten später an den erzkapitalistischen Altadis-Konzern weiterverkauft wurde, ist dann die Ironie dieser Geschichte.

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Bewerbung um eine Aufnahme in das Montehiba-Tastingpanel

Der private Montehiba-Blog gehört zu den Perlen in der deutschsprachigen Zigarren-Blog-Landschaft. Die beiden Autoren befassen sich vornehmlich mit kostbaren Vintage-Zigarren, die Otto-Normal-Aficionado kaum je zu Gesicht bekommt. Twitter-Blind-Tasting-Mitorganisator Herrlaus hat mich jetzt auf einen aktuellen Beitrag im Montehiba-Blog hingewiesen: Von «der Zigarrenkapazität» aus Hong Kong wurde den Blog-Schreibern eine versiegelte Kiste einer kaum bekannten Pre-Embargo und Pre-Castro-Havanna zugeschickt. Gemeinsam mit der Community möchte der Blog jetzt möglichst viele Informationen zu dieser Rarität zusammentragen. Hellhörig machte mich und Tippgeber Herrlaus natürlich die Ankündigung, dass man darüber nachdenke, die kostbaren Havannas an ein internationales, virtuelles Tastingpanel zu verteilen, um die Zigarren möglichst profund und umfassend zu bewerten.

Unsere Bewerbung ist mit einem Augenzwinkern zu verstehen; vorallem weise ich gerne auf die Aktion hin. Für das Tasting dürften Spezialisten wie Simon Chase prädestiniert sein. Ich selber könnte allenfalls die Perspektive des Vintage-Novizen einbringen. Aber bewerben kostet nichts, und sollte die Bewerbung Erfolg haben, so würden wir uns ohne Augenzwinkern überaus geehrt fühlen.

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«Reflexionen bei einer Zigarre»

Hans Fischer vom Cigar-Wiki hat im NZZ-Online-Archiv den grossartigen Artikel «Reflexionen bei einer Zigarre» entdeckt. Es handelt sich um einen Aufsatz über die Zigarrenkultur im Zürich der 1940er Jahre. Das Erscheinungsdatum des Artikels war der 9.11.1941. Im folgenden Abschnitt erzählt der Autor, wie Adolf Dürr sein Geschäft an der Bahnhofstrasse gründete:

Versetzen Sie sich also in das Jahr 1876 zurück! Es ist Sommer und durch die engen Strassen der Kleinstadt Zürich spaziert ein 26jähriger Mann, der aus der Champagnerstadt Reims gekommen ist, um für ein Wollwarengeschäft Bestellungen aufzunehmen. Er stammt aus Grabs im Rheintal und bezieht ein Monatsgehalt von hundert Franken. Da er guter Laune ist, kauft er sich in der Strehlgasse ein Päckchen „Ormanod supérieur“. Als er aber stillstehend einen Stumpen anzündet, zieht er nicht. Das bringt ihn auf den Gedanken, dass er selber ein besseres Kraut verkaufen könnte. Die Konkurrenz ist noch nicht gross und die Reimser Firma steht ohnehin auf wackligen Füssen. Also mit regsamem Optimismus zum Zigarrenhändler umgesattelt! Kurze Zeit darauf lesen die Zürcher an einem kleinen Laden der Bahnhofstrasse 66 den Namen Adolf Dürr. Sein Kapital ist mager und bald hört er seinen Nachbarn zu einem Kunden sagen, dass dieser Neuling wohl verlumpen werde, noch bevor das jahr um sei. Tatsächlich sieht es anfangs mit einem Tagesumsatz von zehn Franken bös aus. Aber das Glück setzt sich an die Seite des jungen, arbeitsamen Rheintalers. Als er in den Eckladen umzieht und die damals noch wenig bekannten, kräftigen Zigarren aus Ostindien einführt, wird der Kundenkreis grösser.

Interessant ist auch der Verweis auf die für damalige Verhältnisse horrenden Preise für Havanna-Zigarren:

Da sieht man auf hohen Regalen alles, was die Phantasie eines Rauchers entzücken kann, von den billigsten Sorten, die das Militär massenhaft verqualmt, bis zur Zigarette, die dreissig Rappen kostet und bis zur importierten Havanna, die mit sechs Franken das Stück bezahlt wird.

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Der Fidibus

Letzte Woche haben wir im Sommerwettbewerb gefragt, was ein «Fidibus» sei. Eine schöne Würdigung dieses alten Rauchutensils ist vor einigen Jahren im NZZ Folio erschienen («Der Fidibus»):

In der Literatur des 19. Jahrhunderts ist der Fidibus für jede Raucherfreude unentbehrlich. In Buschs «Tobias Knopp» wird der Neffe ermahnt, dem Onkel zu bringen, «was er haben muss: Zeitung, Pfeife, Fidibus». Natürlich fertigte man den Fidibus aus Material, das nicht mehr gebraucht wurde oder das man nicht wertschätzte. So schreibt Georg Herwegh in seinem Gedicht «Frühling»: «O lass sie träumen noch eine Nacht! / Dann wetzen wir aus die Scharte, / dann werden Fidibusse gemacht / aus der europäischen Karte.» Und Eichendorff berichtet über einen Geburtstag Klopstocks, bei dem «die Fidibus» aus Wielands Schriften gemacht wurden.

Manuel Fröhlich Historisches

«Bassum als kleines Havanna»

Der «Weser-Kurier» erzählt heute «die Geschichte eines Zigarrenmachers» («Bassum als kleines Havanna»). Auf die Frage, warum bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts Zigarren in Deutschland und auch bei uns in der Schweiz von Hand gefertigt wurden und man sich nicht auf die Importe aus den Herkunftsländern der Tabake verliess, gibt der Artikel folgende Antwort:

Anfang des 20. Jahrhunderts war der Tabakarbeiter ein nicht aus der Gesellschaft wegzudenkendes Bestandteil. Der heutige interkontinentale Güterverkehr steckte noch in den Kinderschuhen, und importierte Güter waren einfach zu teuer für die Bevölkerung. Um die Nachfrage nach Zigarren zu befriedigen, bildete sich in Bassum eine regelrechte Tabakindustrie.

Wer sich für die Geschichte der Zigarrenherstellung in Deutschland interessiert, dem sei der Text «500 Jahre Zigarren» von August Schuster sehr empfohlen.

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Der Niedergang von Dunhill

Am Donnerstag findet im La Corona in Uster die Schweizer «Dunhill Aged Cigars»-Premiere statt. Zur zugegebenermassen etwas verkaufsschädigenden Überschrift kommt dieser Event-Hinweis, weil eine kleine Recherche zu Dunhill die interessante Geschichte vom Niedergang einer einst grossen Marke zu Tage befördert hat. Der französische «L’Amateur de cigar» hat sie in der Ausgabe Januar-Februar 2011 aufgeschrieben («L’impossibilité Dunhill»).

Gründer Alfred Dunhill beschäftigte sich ursprünglich mit dem Verkauf von Automobil-Zubehör. Eine «windshield pipe», mit welcher man «mit der Nase im Wind» rauchen konnte, war sein erster Accessoire für den Genussraucher. Es folgten weitere Pfeifen, Zigarren und Zigaretten und schliesslich im Jahr 1928 die Eröffnung des Tabakgeschäfts an der Duke Street. Auch Havannas importierte Dunhill: Die Marken Les Don Candido, Flor de Punto und Don Alfredo wurden exklusiv für Dunhill gefertigt. Dunhill konnte wie Davidoff auch nach der kubanischen Revolution seine Eigenmarken weiter produzieren. 1977 einigte sich Dunhill mit Cubatabaco darauf, die verschiedenen Zigarren unter einem einzigen Markendach zu vereinen – «Dunhill». In den Achtzigerjahren belieferte Kuba Dunhill mit den besten Tabakqualitäten, was den Dunhill-Zigarren einen legendären Ruf einbrachte. Das «Ende der Regentschaft» von Alfred Dunhill wurde mit der Einführung von Cohiba eingeleitet. Fidel Castro wollte nicht, dass sein neues Flaggschiff im Schatten von ausländischen Marken stehen würde, und kündigte deshalb 1991 die Verträge mit Dunhill, genauso wie mit Davidoff.

Von hier an scheiden sich die Wege von Dunhill und Davidoff. Letztere waren auf dieses Szenario vorbereitet, hatten mit der Linie «Zino Classic» aus Honduras bereits Erfahrungen mit nicht-kubanischen Zigarren gesammelt und konnten ihre Produktion in der Dominikanischen Republik einigermassen nahtlos weiterführen. Dunhill agierte weniger glücklich. Zuerst vergab das Unternehmen gleichzeitig Lizenzen an zwei Tabacaleras aus Honduras und den Kanarischen Inseln. Die Zigarren fanden keine Gnade, und die Eigentümer mussten die Überreste acht Jahre später an British American Tobacco verkaufen. Für den Tabakkonzern dürfte der Namen Dunhill wohl vorallem wegen seines Potentials für den Zigarettenverkauf als interessant beurteilt worden sein. Die Zigarren erhielten in der Folge kaum Aufmerksamkeit, ihre Produktion wurde schliesslich an Carlos Toraño in Nicaragua übergeben, wo seit 2007 die Linie «Signed Range» gerollt wird (die von British American Tobacco in Europa nicht mehr selber distribuiert wurde). Den «Gnadenschuss» erhielt Dunhill durch die Anti-Tabak-Gesetze. 2005 stellte Dunhill die Produktion der Pfeifentabake ein.

Aber vielleicht hat «L’Amateur de cigar» die Grabrede für Dunhill doch zu früh gehalten. Anfang Jahr reaktivierte British American Tobacco die Produktion der Pfeifentabake, und jetzt bringt das Unternehmen die neue Zigarren-Linie «Dunhill Aged Cigars» auf den Markt. Es handelt sich um eine Art Remake der Ur-Linie von Dunhill aus der Dominikanischen Republik, die nach dem Fortzug aus Kuba gefertigt wurde. Name und Verpackungsgestaltung hat Dunhill 1:1 übernommen. Interessant ist auch, dass sich British American Tobacco wieder höchstpersönlich um das Dunhill-Projekt kümmmert.

Ausgerüstet mit diesem Wissen sollte man in der Lage sein, die «Dunhill Aged Cigars» richtig einzuordnen. Ich werde ihr auf jeden Fall mit Interesse begegnen. Man darf sie aber auch einfach nur rauchen, ohne sich allzu viele Gedanken zu machen. Erste und beste Gelegenheit: Am Donnerstag im La Corona in Uster.