Manuel Fröhlich Historisches

«… we shall call them COHIBA»: Die Geschichte von Cohiba

 

«… we shall call them COHIBA» ist ein Buch über die Geschichte der legendären Havanna-Marke Cohiba, das ich zufällig entdeckt habe. Autor ist Adargelio Garrido de la Grana, ein Jurist mit Spezialgebiet Markenrecht und Kadermitarbeiter von Habanos SA. Das englische Buch bietet einzigartige Einblicke in die Geschichte der post-revolutionären Havanna-Zigarren und ist für Aficionados eine wahre Schatztruhe: Es erzählt die Entstehung der Cohiba-Zigarren und die Entwicklung des Markennamens nach, zeigt die verschiedenen Stadien des Markenauftritts und der Sortimentsentwicklung und liefert unzählige Zitate und Erklärungen von Direktbeteiligten.

Jeder Aficionado kennt die Geschichte mit Fidel Castros Bodyguard Chico und dessen Zigarren, die den Revolutionsführer zur Gründung von Cohiba inspirierten. Über diesen Chico, der eigentlich Bienvenido Pérez Salazar hiess, erfahren wir in «… we shall call them COHIBA», dass er selber in einer Familie aufwuchs, die eine Zigarren-Manufaktur besass. Im Familienbetrieb lernte Chico das Handwerk des Torcedors und arbeitete später in der Por Larrañaga-Manufaktur in Havanna. Hier lernte er auch einen gewissen Eduardo Rivera Irizzari kennen, der später ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Cohiba spielen sollte. Chico beliess es aber nicht beim Rollen von Zigarren; bald eröffnete er in Havanna ein erstes Zigarrengeschäft, später folgten weitere. Zudem gründete er die Zigarrenmarke «Faraon». Als die Revolution losbrach, kämpfte Chico an der Seite von Fidel Castro – sein unternehmerischer Erfolg hatte ihn nicht daran gehindert, sich vor der Revolution für die Rechte der Arbeiter einzusetzen. Chico wurde zum Chef-Bodyguard von Fidel Castro, und eines Tages kam es zur bekannten Episode, dass der Maximo Líder eine von Chicos Zigarren probierte und von diesen sehr angetan war. Der Roller dieser Zigarren war der eingangs erwähnte Eduardo, ein Freund von Chico, der für sich selber und Freunde eine spezielle, sehr schlanke Zigarre rollte, die wir heute als «Lancero» kennen. Eduardo erhielt daraufhin den Auftrag, sich ganz der Produktion dieser speziellen Zigarren zu widmen, und wurde, ohne es zu wissen, zum Hoflieferanten von Fidel Castro.

Drei Jahre nach dieser Begebenheit, im Jahr 1965, beauftragte Fidel Castro Chico damit, eine Rollerschule für Frauen aufzubauen. In «… we shall call them COHIBA» erinnert sich Chico an folgende Unterhaltung mit Fidel Castro: «Chico, are there women cigar rollers?» – «Very few, Comandante.» – «How long does it take to train a cigar roller?» – «A year or so.» – «How much does that cost?» – «I haven’t the faintest idea, Comandante.»

Fidels Plan war es, für die Frauen eine neue Arbeitsmöglichkeit zu erschliessen, denn vor der Revolution waren nur wenige Frauen als Torcedoras tätig. Chico nahm die Aufgabe an und wählte Eduardo und drei weitere Master-Torcedores als Mitstreiter für sein Unterfangen aus. Die Ausbildung begann mit vier Frauen, die alle mit Chico verwandt waren. Eine der Frauen erinnert sich: «We learnt everything, or almost everything, related to tobacco. We were taught how to recognize the blend so as to avoid problems at the rolling stage, we also did other work, for example, cleaning the premises.» Im Frühling 1966 arbeiteten die Frauen bei der Ernte mit und lernten von den Tabakbauern. Nach einem Jahr umfasste das Ausbildungsprogramm bereits 100 Frauen. Bei der Entwicklung der Rollerschule genossen Eduardo und Chico viele Freiheiten. Sie hatten Zugriff auf die besten Tabake und rollten in einer Anfangsphase nur ein einziges Format – die von Fidel Castro so geschätzte Lancero im Format Laguito No. 1. In diesem Jahr wurden die Zigarren der Schule zum ersten Mal als Geschenk an Diplomaten und Regierungsmitglieder aus dem Ausland übergeben. Unklar ist, ob von Anfang an geplant war, dass die Rollerinnen um Chico und Eduardo die besten und exklusivsten Havannas der Insel herstellen sollten. Auch die detaillierten Aufzeichnungen von «… we shall call them COHIBA» geben darüber keine Auskunft.

Im Jahr 1966 begann die Suche nach einem geeigneten Namen für die Zigarren des weiblichen Rollerteams. Zur Diskussion stand unter anderem «Palmas», als Referenz an die Königspalme, den kubanischen Nationalbaum. Die Verantwortlichen suchten nach einem Symbol für die Kultur des Landes und des kubanischen Tabaks. Schliesslich entdeckte Celia Sánchez Manduley, Fidel Castros Assistentin, die neben ihm in der Sierra Maestra gekämpft hatte, den Namen Cohiba. Der Begriff stammt aus der Sprache der Taínos-Indianer, die vor Kolumbus Kuba besiedelten, und wurde als Bezeichnung für Tabak verwendet. Der perfekte Name für das neue Aushängeschild der kubanischen Zigarrenindustrie. Über die genaue Bedeutung von Cohiba gibt es «… we shall call them COHIBA» zu Folge einen Historikerstreit: Je nach Quelle bezeichnet der Begriff Cohiba die Tabakblätter oder die gerollte Zigarre. Aufzeichnungen aus der kolumbianischen Zeit berichten ausserdem davon, dass die Indianer während religiösen Zeremonien Cohibas rauchten: «(..) they go into the hut devoted to the god and inhale the Cohiba, the name used to refer to the plant which produces ecstasy of the spirit».

Zwei Jahre nach der Gründung der Schule bezogen die Rollerinnen das Gebäude El Laguito, in dem bis heute Cohibas gerollt warden. In El Laguito entstanden 1967 die beiden Formate Coronas Especiales (Laguito No. 2) und Panetelas (Laguito No. 3). Weitere zwei Jahre dauerte es, bis der erste Markenauftritt für Cohiba entwickelt war. Er zeigte Tabakblätter, kreisförmig um den Schriftzug Cohiba angeordnet. Der stilisierte Kopf eines Taino-Indianers war damals noch nicht Bestandteil des Logos. Im Jahr 1970 wurde aus der einstigen Rollerschule endgültig eine Zigarrenmanufaktur. Die Öffentlichkeit erfuhr zum ersten Mal in den frühen 1970er Jahren von der Existenz der Marke Cohiba. 1975 wurden die drei Cohiba-Formate am ersten Kongress der Kommunistischen Partei präsentiert. Ab 1979 durften kubanische Zigarrengeschäfte Cohiba-Zigarren zum Verkauf anbieten. Erst 1982, zwölf Jahre nach der Gründung der El Laguito-Manufaktur, begann die internationale Vermarktung von Cohiba mit einer Präsentation im Ritz Hotel in Madrid.

Die Marke Cohiba ist ein echtes Kind der kubanischen Revolution. Wo sonst wäre es möglich gewesen, eine Marke und die dazugehörigen Luxuszigarren über Jahrzehnte zu entwickeln, ohne sie zu Kommerzialisieren. «… we shall call them COHIBA» ist ein überaus spannendes Dokument der kubanischen Zigarrengeschichte.

Kommentare

keine Kommentare vorhanden

Kommentar verfassen