Aficionado Fernweh

Einblick ins Valle Cibao

Ein schöner Reisebericht ins Vallo Cibao von Die Zeit. Im erwähnten Tal in der Dominikanischen Republik wächst unter anderem der Tabak für so herrliche Cigarren wie die von Laura Chavin oder Davidoff.

Edler Rauch aus dem Valle Cibao

Tabaksamen sind heilig. Die Zigarrenbarone in der Dominikanischen Republik lagern sie in Tresoren und umsorgen jede Pflanze wie eine Diva. Nirgendwo auf der Welt werden so viele Zigarren von Hand gerollt

Das Heiligste liegt vor uns auf dem Tisch. Hellbraune Körnchen, kaum größer als der Einstich einer Stecknadel. Vorwitzig sind sie aus einem Briefumschlag gerieselt, den Maruschkes Sohn Fito gerade aus dem Tresor geholt hat. Zwei Gramm genügen – und bald steht ein Hektar Land eng bewachsen mit mannshohen Pflanzen. Tabakpflanzen, deren zwei Monate währendes Leben Maruschke umsorgt wie das einer Filmdiva. Und am Ende liegen die Blätter, streng nach Sorten und Jahrgängen sortiert, in Maruschkes Lagerhallen, die lang sind wie Hangars und von Personal mit schweren Kalibern bewacht werden. So viel als Antwort auf die Frage, die den Zorn des Hausherrn auslöste: ob ein solch winziger Schatz nicht leicht abhanden komme?

Maruschkes Gesicht nimmt allmählich wieder seine Ausgangsfarbe an. Schnaufend zieht er eine Frucht seiner Arbeit aus der Brusttasche des Hemdes. »Mein Körper ist mein Humidor«, pflegt er zu sagen. Beschnüffeln, Ende abschneiden, in Brand setzen sind eins. Und solche Stimmungsschwankungen sind wohl verständlich in einer Gegend, wo »drei-, viermal im Jahr die Tassen im Schrank wackeln«. Nicht nur an Hurrikans wie David oder George sind die Dominikaner gewöhnt, sondern auch an Erdbeben.

Der Tourismus hat die Dominikanische Republik zur DomRep gemacht, er hat aus Strandhütten ein Ballermann geschaffen und All-inclusive zur Ideologie erhoben. 250 000 Deutsche kommen jährlich. Die meisten lassen sich in Puerto Plata und Punta Cana Bändchen ums Handgelenk legen, die zu Freigetränken berechtigen. Andere bevorzugen Luxusghettos wie das Casa de Campo im Südosten der Insel, einem Teletubbie-Land mit Golfplätzen, 300 hauseigenen Polopferden und Mauern wie Hollywoodkulissen.

Maruschkes Firma José Méndez liegt in Santiago de Los Caballeros, eineinhalb Autostunden südlich von Puerto Plata. Auf den ersten Blick erinnert sie eher an das Ausrolllager einer Spedition als an den Sitz eines Tabakbarons. Doch die Bescheidenheit täuscht. Nicht nur weil in diesem betriebsamen Handelszentrum mehr Geld verdient wird als in der wuchernden Kapitale Santo Domingo an der Südküste der Insel. Wenn Maruschke eine Montechristo, eine Upmann oder eine Laura Chavin in die Hand nimmt, dann tut er das auch in der Gewissheit: Sie ist hier gewachsen, im Valle Cibao. Von riesigen Bergketten wird das 400 Quadratkilometer große Tal gesäumt. Flamboyants und ungezählte Palmenarten stehen zwischen den Feldern. Auch die Davidoff wächst hier, seit sich Zino 1988 mit den Kubanern überworfen hat.

Tabak ist neben dem Tourismus die wichtigste Devisenquelle. Kurz nachdem Kolumbus 1492 die ersten Ureinwohner der Insel Hispaniola mit qualmenden Gebilden in den Nasenlöchern antraf, begannen die Spanier an Ort und Stelle mit dem Anbau. Aber zum weltgrößten Produzenten handgerollter Zigarren wurde die Dominikanische Republik erst in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Scharenweise flohen enteignete Tabakfabrikanten vor dem Fidelismus auf die benachbarte, zweitgrößte Antilleninsel. Ihr Heiligstes nahmen sie mit. Seitdem gedeiht Pilote Cubano oder Olor auf dominikanischem Boden, und es gibt viele kubanische Marken auch in einer dominikanischen Version. Zuvor hatte man hier nur Criollo angebaut – jenes stinkende Kraut für schwarze Zigaretten, deren Rauchern man nachsagt, sie fräßen kleine Kinder mit Senf.

Verliebt in Mercedes‘ Augen

Santiago de Los Caballeros ist das Herz der Tabakindustrie. An die Stadt der Ritter, 1495 gegründet, erinnert nicht mehr viel. Piraten überfielen sie, Erdbeben erschütterten sie, ein Großbrand überraschte sie 1863. Heute ist Santiago de Los Caballeros modern, laut und gar nicht mondän. Maruschke kam Anfang 1970 hierher, war damals 30 Jahre alt und leitete als Bauingenieur ein Staudammprojekt für das von drei Jahrzehnten Trujillo-Diktatur aufgeriebene Land. Prompt verliebte er sich. Mercedes Méndez hatte irritierend blau-braun gesprenkelte Augen und war die Tochter einer exilkubanischen Tabakdynastie. Vieles hat Maruschke seitdem kommen und gehen sehen. Aber er hat noch immer das Gefühl, »in einem Entwicklungsland« zu leben. Immerhin: ein Entwicklungsland mit durchgängig 27 Grad Celsius und einer unbefangenen Freundlichkeit, vor allem gegenüber hellhäutigen Fremden.

Ein solches Klima lockt nicht nur Hasardeure und Touristen an. Auch Steuerflüchtlinge kommen hierher, kaufen sich einen dominikanischen Pass, um nicht ausgeliefert zu werden. Und wo früher Piraten auf Beute lauerten, sitzen heute Markenpiraten. Sie imitieren Kisten und Bauchbinden von Zigarren und versuchen, Urlaubern das Zeug auf der Straße anzudrehen. Natürlich schmeckt das nicht, und es stinkt nach alten Socken. Aber beim Zigarren-Boom, Mitte der Neunziger, störte sich niemand daran. Kurzfristig schossen 140 neue Zigarrenfabriken aus dem Boden, die ausnahmslos in Rauch aufgingen. Damals kam Big Smoke wieder in Mode. Sharon Stone, Demi Moore oder Linda Evangelista nuckelten auf Titelblättern lasziv an dicken Dingern. Mittlerweile grassiert der New-Economy-Kater unter den Parvenüs, die noch vor kurzem all die schicken Rauch-Lounges bevölkerten.

Das Statussymbol Zigarre hat an Zugkraft verloren. Aber während des Booms wurde ein Mythos entzaubert. Denn für die meisten Raucher gab es nur eine Wahl: Havanna. Dominikaner galten als die Cola Light der Zigarrenwelt. Echte Männer taten für echte Havannas beinahe alles. Sogar US-Präsident Kennedy soll unmittelbar vor dem Handelsembargo gegen Kuba einen Sekretär beauftragt haben, alle verfügbaren Bestände seiner Lieblingmarke zu kaufen. Vielleicht bildeten jene 1200 Upmann Petit Coronas die Grundlage für den bigotten Havanna-Kult der Amerikaner. Nach wie vor dürfen sie offiziell keine echten einführen. Aber bei Zigarren reizt das Verbotene, nicht nur wegen der abgeschmackten Spiele von Bill Clinton. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die von Ché Guevara entwickelte Cohiba erzielte zu Spitzenzeiten auf dem Schwarzmarkt locker 3000 Dollar und mehr pro Kiste. Mittlerweile ist die kubanische Produktion ärgerlichen Schwankungen unterworfen, während ihr die Nachbarn durch Fleiß und Perfektion den Rang ablaufen.

Die Marotten der Gringos waren Vidal Almonte vermutlich schon immer egal. Almonte steht in seinem Feld und tut, was Tabakbauern seit Jahrhunderten tun: zupfen. Blüten und Seitentriebe müssen weg, damit Nicotiana tabacum ihre ganze Energie in 15 bis 20 Hauptblättern konzentriert. Etwa 150-mal wird eine Pflanze vor der Ernte angefasst. Reihe um Reihe, stoisch und schweigend. Ein guter Bauer, heißt es, hat schwarze Hände: vom klebrigen Saft. Schwarz und klebrig ist auch der Boden. Auf ihm wächst alles, was man draufwirft. Melonengroße Papayas hängen an den Bäumen, zwischen denen die Garzas, weiße reiherartige Vögel, ihre langen gelben Schnäbel in den Boden stoßen. Almonte ist Vertragsbauer bei Maruschke. Er steht auf eigenem Grund. Mag den Raucher ein letzter Hauch von Großgrundbesitz und Manchester-Kapitalismus umwehen – die dominikanische Regierung hat aus dem Beispiel Kuba gelernt und bei einer Bodenreform billiges Land an die Kleinbauern abgegeben.

Wenn eine Blauschimmelwarnung kommt, ist es vorbei mit der Ruhe. Innerhalb weniger Tage fliegen die Sporen von North Carolina bis in die Karibik. Bei feuchtem Wetter können sie in 24 Stunden eine ganze Kultur vernichten. Also werden die Giftspritzen rausgeholt. Maruschkes Inspektoren bringen sie bei ihren Besuchen mit: Ob es den Babys auch gut geht? Schließlich hat der Patron hier sein Heiligstes verstreuen lassen. Almontes Pflanzen stehen tadellos in Reih und Glied. Bald wird er die Blätter der Reihe nach auf Bandolieren ziehen, zuerst die unteren, Una y Medio genannt, dann die Centro-, schließlich die Corona-Blätter. Sie alle beginnen sich braun zu färben. Die erste von drei Stufen der Fermentation. Die Diva braucht konsequente Behandlung. Unerwünschte Inhaltsstoffe, vor allem Eiweiß und Zucker, müssen »runtergeprügelt« werden, wie es im Fachjargon heißt. Der Geruch des frei werdenden Ammoniaks wird ihr danach lange anhaften.

»Silencio por favor!« Allen blumigen Berichten zum Trotz: In der Fabrik läuft keine Merengue-Musik. Und schöngeistige Literatur wird auch nicht vorgelesen. Rascheln ist das einzig zulässige Geräusch beim Strippen. Rascheln, das sich jetzt mit dem Rauschen des tropischen Regens mischt. »Strippen ist Frauensache«, sagt Maruschke und meint damit das Entfernen der Stämme aus den Blättern. Das müsse von Hand geschehen, sagt er. Zigarren, die nicht aus ganzen Blättern und von Hand gemacht sind, kommen ihm nicht in den Hals. Alles andere – und die Abfälle – stopft man in Billigstumpen, die so genannten Short Filler.

Diese Romantik kann sich nur beim lokalen Lohnniveau erhalten. Zu deutschen Konditionen würde jede Zigarre das Zehnfache kosten. Und selbst wenn die Tabacalera de García, eine der größten Fabriken der Insel, versichert, mit 65 Euro pro Woche das Doppelte des gesetzlichen Mindestlohns zu zahlen – kann man sich einen stärkeren Tobak vorstellen als den Kontrast zwischen den Akkordarbeitern und der Welt des Endverbrauchers, der nach Tisch in den noblen Ferienanlagen den Wochenlohn eines Arbeiters verqualmt?

Mit dem Helikopter zum Strand

Die sozialen Gegensätze sind allzu deutlich. Die dominikanischen Mulatten werden schon mal vertrieben, wenn befürchtet wird, sie könnten als fliegende Händler Passagiere eines anlegenden Kreuzfahrtschiffes belästigen. Wem der Feudalismus aufs Gemüt schlägt, der kann auch diesen Anblick ausblenden: Mit zwölf Flughäfen ist die Dominikanische Republik für den Luftverkehr durchgehend erschlossen. Die lokalen Airlines fliegen mit zweimotorigen Knatterkisten, in denen sogar der Pilot sein Handy benutzen darf. Das Casa de Campo hat gleich eine eigene Landebahn, die im Liniendienst von Miami angeflogen wird. Claudio Silvestri, der Chef der noblen Anlage, will hier bald seinen Traum verwirklichen und ein Oktoberfest veranstalten. Zu Hause in Texas sei das immer ein großer Erfolg gewesen, sagt er und vergisst nicht hinzuzufügen, dass hier Frank Sinatra gesungen und Michael Jackson geheiratet hat. Beim Dinner am Pool wundert man sich, dass Silvestri die Fernbedienung, mit der er sein gigantisches Home-Entertainment-Center steuert, nicht auch auf die drei Gitarristen richtet, die leise klampfend im Hintergrund stehen.

Es gibt hier Leute, die nehmen, ohne rot zu werden, den Helikopter zum Strand.

Information

Anreise: Beinahe jeder Großveranstalter hat die Dominikanische Republik im Programm. Charterflüge unter anderem von Condor, LTU, Hapag Lloyd, Preise ab etwa 500 Euro

Unterkunft: Casa de Campo, einfache Zimmer ab 155 US-Dollar, Villen in Strandlage um 3500 US-Dollar pro Nacht, Tel. 001-809/5 23 33 33
Rund um die Zigarre: Tagestouren zu den Tabakherstellern im Cibao-Tal werden auch von Hotels in Puerto Plata angeboten. Die Preise variieren je nach Saison und Anzahl der Teilnehmer.

Individualreisende können gegen Voranmeldung (Tel. 001-809/2 41 11 11) zum Beispiel die Tabakfabrik Aurora (Av. 27 Febrero, Santiago de Los Caballeros) besuchen

Laura Chavin: Ihre wahren Schätze zeigen die Zigarrenhersteller selten. So auch Siegfried Maruschke, der für den Stuttgarter Zigarrenproduzenten Helmut Bührle den Tabak für die Laura Chavin anbaut. Bührles Tochter stand Pate für den Namen jener Premiumzigarre, die auch den eingefleischten Cohiba-Raucher Gerhard Schröder überzeugt haben soll. Sie wird in limitierter Auflage von 500 Kisten pro Jahr ausgegeben. Helmut Bührle gilt in Fachkreisen auch als der »deutsche Davidoff«. Seine Familie ist seit Generationen im Tabakgeschäft tätig

Museo del Tabaco: Geschichte des Tabakanbaus vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart (Di-Fr 9-12 und 14-17 Uhr, Sa 9-14 Uhr).
Adresse: Santiago de Los Caballeros, Av. 30 de Marzo/ Esqu. Calle 16 de Agosto

Empfehlenswert sind die Internet-Seiten des Magazins »Cigar aficionado«. Dort ist auch ein Video über die Produktion der Tabacalera de García in La Romana zu sehen, mit 2600 Beschäftigten eine der größten der Welt www.cigaraficionado.com

Whale Watching: Von Januar bis Anfang April in der Bucht von Samaná

Auskunft: Dominikanisches Fremdenverkehrsamt
Hochstraße 17, 60312 Frankfurt am Main
Tel. 069/91 39 78 78
Internet: www.dominicana.com.do

Literatur:

Hans-Jürgen Fründt:
Dominikanische Republik – Urlaubshandbuch; Reise Know-How Verlag;
431 Seiten, 14,90 Euro

Ulrich Fleischmann:
Dominikanische Republik; DuMont;
262 Seiten, 12 Euro

Scott Doggett/Leah Gordon:
Dominican Republic & Haiti; Lonely Planet;
430 Seiten, 21,50 Euro

Kommentare

keine Kommentare vorhanden

Kommentar verfassen