Manuel Fröhlich Zigarren-Festivals

Die Ernte wird eingefahren

Am heutigen Dienstag besuchten die Festival-Gäste Pinar del Rio im Westen Kubas. Hier wachsen die Tabake, aus denen unsere geliebten Havannas gerollt werden. Verteilt auf Gruppen besuchten wir in diesem Jahr Farmen und Verarbeitungsbetriebe in der Region San Juan y Martinez, einer der beiden Subregionen der Vuelta Abajo. Unsere Tour führte uns zunächst in eine Escogida. Hier werden die Tabake nach Grösse, Qualität und Blattstufe sortiert, nachdem die Blätter auf den Farmen geerntet und getrocknet wurden.

Letztes Jahr bot sich hier ein spezielles Schauspiel. Arbeiterinnen sortierten fleissig kleine Tabakbündel. Als wir den Raum verliessen, stellten sie ihre Arbeit wieder ein. Sie spielten uns ihre Arbeit wirklich nur vor. Dabei war 2017 ein gutes Jahr. Was wir letztes Jahr erlebten, hängt mit dem Zeitpunkt des Festivals zusammen. Es fällt mitten in die Ernte, die Verarbeitungsbetriebe verarbeiten in dieser Phase aber noch die letzten Vorräte der Vorernte. Das Bild, das wir in diesem Jahr antrafen, war ein ganz anderes: Geschäftiges Treiben, Tabakstapel überall. Der Leiter der Escogida konnte das gute Gefühl, das uns vermittelt wurde, mit Zahlen unterlegen. Im Jahr 2016 verarbeitete sein Betrieb 160 Tonnen Tabak, letztes Jahr 230 Tonnen, dieses Jahr rechnet er mit 275 Tonnen, wobei es sich hier nicht um eine Planvorgabe handle, sondern um eine qualifizierte Schätzung basierend auf den Meldungen der Tabakbauern.

Für unseren Besuch hatte sich die Escogida auch dieses Jahr fein herausgeputzt. Als wir eintraten, setzte eine Vorleserin zu einem innbrünstigen Rezitat eines Gedichts über den Tabak an. Den Raum schmückten neben den üblichen Revolutionsparolen auch Zeichnungen und Gedichte über den Tabak, verfasst von den Mitarbeiterinnen des Betriebs, wie ich erfuhr. Und obendrauf: Ein riesiges Blumenherz zu Ehren Fidels. Alles sei genau so geplant worden für den heutigen Tag, erklärte mir die Vorleserin. Es sei selbstverständlich ein Schauspiel, das sie aufführten, dies sei ihre Art, uns mit Stolz ihre Arbeit zu präsentieren.

Ich erfuhr danach noch folgendes: Die von uns besichtigte Escogida wird von 222 Bauern mit Tabak beliefert. In ganz San Juan gibt es 26 Escogidas. Alle Tabake, die unsere Escogida in den nächsten Wochen erhält, werden gemischt, die Rückverfolgbarkeit zum Tabakbauern ist nicht mehr möglich. Ergo lassen sich nach dem Sortieren der Tabake nur noch 26 Zonen unterscheiden.

Nachdem die Blätter in der Escogida sortiert wurden, gehen sie weiter in nächsten Verarbeitungsbetrieb mit dem Namen Despalilla. Hier werden die Mittelrippen entfernt und die Tabake fermentiert. Wir besuchten den selben Betrieb wie im Vorjahr – die einzige Despalilla der Region San Juan. Auch hier stand der Betriebsleiter Red und Antwort zur Frage, ob die Tabake nach der Fermentation noch einzelnen Escogidas zuweisbar sei. (Meine «Investigativ-Fragen» wurden übrigens mit grosser Freundlichkeit und wie ich das Gefühl habe nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet. Schon im Vorjahr fiel mir auf, dass das Klima offener und weniger ängstlich war als früher). Seine Antwort: Nein. Aus 26 Escogidas werden in der Despalilla neun Zonen, die man unterscheide und nicht vermische. Wir stehen vor einem Tabakballen, der fertig verpackt ist für die Reise nach Havanna. Auf der Etikette sind vermerkt: Die Blattkategorie, das Datum und als Zone: «San Juan y Martinez». Allgemeines Erstaunen und Werweissen.

Zum Abschluss besuchten wir die Tabakbauern Carlos und Herado Medina. Die beiden Brüder führen das Erbe des letztes Jahr verstorbenen Herado Medina Senior weiter, der 2006 als Hombre del Habano ausgezeichnet wurde. Die freundlichen Farmer und ihre Mitarbeiter führten uns voller Freude duch ihre Felder und das Trocknungshaus. Man müsste gar nicht fragen: Es ist eine ausgezeichnete Ernte. Am Ende werde ich gebeten, ein Familienfoto aufzunehmen. Dieses konnte ich bereits elektronisch übermitteln. Carlos Medina arbeitet nebenher in der Tabakforschung und hat einen Facebook-Account.

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