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Freud & Cigarren


(Quelle: members.telering.at)

„Vielleicht gäbe es ohne Zigarren keine Psychoanalyse.“ Warum? Die Erklärung lieferen die Berliner Blätter für Psychoanalyse und Psychotherapie mit folgendem Artikel.

Vor hundert Jahren erschien Sigmund Freuds „Traumdeutung“
– ein Hin und Her wie bei der Zigarre

Von Manfred Schneider

Aus den dreißiger Jahren ist ein stummes Filmdokument überliefert, das Sigmund Freud in privater Umgebung zeigt, in seinem Arbeitszimmer, am Fenster, im Garten, mit seinen Hunden. Auf diesen kurzen Aufnahmen sieht man Freud auch seine Zigarre rauchen, und die Art seines Rauchens ist etwas für den psychologischen Blick. Rasch durchmisst die Zigarre den Halbbogen zum Mund, sofort schnellt die Rauchwolke aus dem vom Bartschnee umrandeten Krater hervor, worauf sich die Lippen gleich für das nächste Andocken der Zigarre spitzen, die längst wieder im Anflug ist. Die hastigen Bewegungen, die kurzen Intervalle, die automatenartige Gleichförmigkeit des Vorgangs lassen beim Beobachter nicht den Eindruck des Genusses aufkommen; vielmehr gibt das Rauchritual unmittelbar die enorme Spannung zu erkennen, unter der der beinahe achtzigjährige Vater der Psychoanalyse steht.

Freud und das Rauchen! Vielleicht gäbe es ohne Zigarren keine Psychoanalyse. Denn als im Jahre 1894 der ärztliche Freund Wilhelm Fließ ein strenges Rauchverbot erteilte, weil Freud an Herzrhythmusstörungen, an Mattigkeit, Verstimmungen und Atembeschwerden litt, die eine Angina pectoris vermuten ließen, klagte der Patient, er sei unter Nikotinabstinenz „komplett arbeitsunfähig, ein geschlagener Mann“. Freud konnte dann auch vom Rauchen nicht lassen. Selbst als im Frühjahr 1923 ein Gaumenkrebs festgestellt wurde und eine lange, qualvolle Zeit wiederholter chirurgischer Eingriffe begann, unterbrach Freud die Gewohnheit nur für wenige Wochen. Die Zigarre trug ihn durch Leben und Arbeit, bis im September 1939 eine unbehandelbare Krebswunde das Ende brachte.

Die unzerreißbare, unheilvolle Liaison von Nikotingenuss und Arbeit sowie das maschinenartige Zeremoniell beim Rauchen machen etwas von den Zwängen sichtbar, aus denen die Beharrlichkeit aller großen Entdecker hervorgeht. Nach Freuds frühester, hochspekulativer Lesart der Zwangsneurose von 1897 treten Zwangshandlungen „als Ersatz der unterlassenen Masturbationsbewegung“ auf. Aber viel eher lässt sich Freuds Hand, die als Hebel des psychischen Apparates die Zigarre immer wieder zum Mund führte, mit dem 1919 in Jenseits des Lustprinzips entwickelten Todestrieb in Verbindung bringen. Der Todestrieb ist eine unbewusste psychische Macht, die uns dazu zwingt, immer wieder Dinge zu tun, die dem Interesse des Lebens und des Glücks offensichtlich zuwiderlaufen. Wir essen, wir arbeiten, wir lieben, wir trinken, wir schreiben uns zu Tode. Diese fatalen Wiederholungsspiralen, die das Leben in unvermeidliche Unglücksserien zerlegen kann, dieser todestriebhafte Zwang zeigt seine Macht sowohl im Film wie in der Wissenschaft Freuds. Sein Pseudonym ist Ödipus.

Es gibt ein zweites Dokument, das es erlaubt, Freud nachträglich aus intimster Nähe zu beobachten. Das sind die Briefe, die Freud zwischen 1887 und 1904 an den Freund Wilhelm Fließ richtete und die Freud später unter keinen Umständen der „so genannten Nachwelt“ überlassen wollte, als sie 1937 aus dem Nachlass des Empfängers auftauchten. Die Briefe bilden das fortgesetzte Protokoll der langen Gedankendämmerung, aus der die Psychoanalyse und 1899 die Traumdeutung hervorgehen sollten. Ihre Lektüre erlaubte es, dem Raucher und Forscher beim Denken zuzuhören, denn die Korrespondenz lief zeitweise in Abständen weniger Tage hin und her (ein Hin und Her wie die Zigarre). Wilhelm Fließ war zu dieser Zeit selbst in höchst spekulative Forschungen vertieft, die sich Biorhythmen und Lebenszyklen ausmaßen. Zugleich war der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt mit Untersuchungen beschäftigt, die 1897 unter dem Titel Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen Geschlechtsorganen erschienen. Fließ, dessen Antworten Freud leider 1908 vernichtet hat, war vom Genie seines Freundes überzeugt und nahm an allen Wendungen in Freuds Untersuchungen zur frühkindlichen Sexualität und zur Entstehung der Neurosen lebhaften Anteil. Freud anerkannte die wichtige Rolle des Briefpartners bei der Entstehung der Traumdeutung, indem er Fließ eines der ersten Exemplare des Buches zu dessen Geburtstag am 24. Oktober 1899 übersandte.

Als die Traumdeutung dann Anfang November 1899 ausgeliefert wurde, trug sie die Jahreszahl 1900. Es ist ein Jahrhundertbuch geworden. Es ist Freuds größtes Buch. Es ist ein Grundwerk der Psychoanalyse. Es ist die heimliche Poetik der modernen Literatur. Und erstaunlich ist die Geschichte ihrer Entstehung. Denn es ist ein höchst intimes Dokument, das Freud aus den nächtlichen Offenbarungen bei seiner sogenannten Selbstanalyse heraus entwickelte. Seit Mitte der neunziger Jahre bildeten Träume eine der wichtigsten Quellen zum Verständnis seiner Patienten. Nachdem er erkannt hatte, dass das Fantasieleben in der Kindheit eine ähnliche Funktion und auch neurosebildende Macht annehmen kann wie das reale Erleben selbst, hatte er diesen Weg immer häufiger eingeschlagen. Dabei war ihm nach und nach die Rolle des Widerstandes, der Verdrängung, der Zensur und endlich die Rolle des Ödipuskomplexes aufgegangen, bis ihm in der Nacht vom 23. zum 24. Juli 1895 bei einem Aufenthalt auf der Bellevue, einem Haus auf dem Kahlenberg oberhalb Wiens, der Traum von „Irmas Injektion“ das Geheimnis des Traumes endgültig offenbarte. Noch ein gutes Jahr nach Erscheinen der Traumdeutung erinnerte er Fließ an dieses Ereignis, und er stellte ihm die Frage, ob wohl eines Tages an dem Hause auf einer Marmortafel an diese Offenbarung erinnert werden würde. Es wird.

Das Geheimnis des Traumes ist – auf eine Formel gebracht – das Geheimnis der infantilen Wünsche, die im Unbewussten eines jeden Menschen fortleben und des Nachts bisweilen in entstellter, unerkennbarer Form wiederkehren. Der Traum ist eine Wunscherfüllung – so lautet die einfache, epochale Erkenntnis. Das Geheimnis des Traumes erschließt sich aber nur einer geduldigen, mit den Verfahren und Tricks des Unbewussten vertrauten Analyse. Und die differenzierte Technik der Traumdeutung beruht auf einer keineswegs einfachen Theorie der verschiedenen Operationen, mit deren Hilfe sich der Träumer den Wunsch zugleich erfüllt und unerkennbar macht. Freud hat diese Theorie in ihrer verfeinerten Form an eigenem Traummaterial entwickelt. Man kann mit Sicherheit sagen, dass außer den Zigarren auch die Träume des Autors selbst zu dem unwiderruflichen Erfolg des Buches beigetragen haben. Und dies gleich in mehrfachem Sinne.

Man darf nicht vergessen, dass Sigmund Freud Mediziner und Neurophysiologe war und dass seine ersten experimentellen Arbeiten dem Nervensystem von Fischen galten. Der junge Nervenphysiologe war auf dem Wege zu der Einsicht über die Funktionsgleichheit von Nervenzellen und Nervenfasern bereits sehr weit und orientierte sich in der Richtung von Waldeyers Neuronen-Theorie, die Anfang der 1890er Jahre erschien. In der grauweißen Masse, in der komplexen Struktur und Vernetzung der Hirnzellen, Neuronen und Synapsen graben noch heute die Hirnphysiologen nach den Geheimnissen des Traumes. Aber Freud tat in den achtziger Jahren bewusst den Schritt von der Nervenphysiologie zur Psychologie, weil sie den Weg zum Verständnis nervöser Leiden abkürzte. Zwar entwarf er Mitte der neunziger auf der Grundlage der neuesten hirnphysiologischen Theorie noch ein höchst kompliziertes Modell des psychischen Systems, aber die Mitteilungen der Kranken selbst bildeten von jetzt an die bevorzugten Daten aus den pathologischen Zuständen von Hirn und Seele. Für die psychologische Wende allerdings erntete er bei seiner akademischen Kollegenschaft mehr Stirnrunzeln als Verständnis. Zwar konnte er den Titel eines Privatdozenten erlangen, aber von einer öffentlichen Anerkennung seiner Arbeit blieb er weit entfernt. Dabei war Freud, wie er freimütig bekannte, stets auf der Jagd nach „Geld, Stellung und Namen“ und, wie man hinzufügen muss: Er war auch auf der Jagd nach dem Professorentitel.

Die Jahre zwischen 1897 und 1899, in denen sich Freud die Theorie der Traumdeutung erträumte, verlaufen zugleich als (vergebliches) Warten auf die Ernennung zum Professor. Die Briefe an Fließ, in denen Freud seine nächtlichen Erlebnisse mitteilte und analysierte, sind von regelmäßigen Seufzern durchzogen, dass der erhoffte Titel wieder einmal nicht vergeben wurde. Der Professorentitel hätte Freud im Auge seiner Patientenschaft, wie er selbst schreibt, zu einem „Halbgott“ erhoben. Aus dem halbgöttlichen Professorenstatus wären die ärztlichen Honorare wie von selbst geflossen. In diese Wartezeit fällt auch das resignierte Wort: „Schade, dass man vom Traumdeuten allein z. B. nicht leben kann.“ Aber vom Träumen ließ sich vielleicht leben. Denn Freud reagiert auf die Nachricht, dass ihn die Wiener Professorenschaft erneut zur Beförderung zum Professor vorgeschlagen hat – mit Träumen. Mit Träumen von der Ernennung zum Professor. Im Februar 1898 schreibt Freud an Fließ: „Einem Gerücht zufolge sollen wir zum Kaiserjubiläum am 2. Dezember mit dem Titel von Professoren bekleidet werden. Ich glaube nicht daran, habe aber einen reizenden Traum darüber gehabt, der leider nicht publizierbar ist.“

Aber ein anderer Professorentraum findet Eingang in die Traumdeutung. Im März 1898 schickt Freud dem Freund die Deutung seines Traumes „Freund R. ist mein Onkel“. In einem späteren Brief fragt er Fließ, der ja als sein Ratgeber und Zensor dient: „Die freimütigen Bemerkungen im Professorentraum wirst Du hoffentlich nicht beanstanden. Die Philister hier werden froh sein, sagen zu können, dass ich mich dadurch unmöglich gemacht habe. Was Dich an dem Traum frappiert, wird später seine Aufklärung finden (mein Ehrgeiz). Bemerkungen über König Ödipus (…) werden ihre Stelle finden.“

Der Traum handelt nach Freuds Analyse, die man seit hundert Jahren in der Traumdeutung nachlesen kann, von zwei befreundeten Kollegen, die beide wie er selbst auch durch die medizinische Fakultät für die Ernennung zum Professor vorgeschlagen worden waren. Im Traum werden die beiden jedoch merkwürdig entstellt und verändert, und die Analyse bringt es an den Tag, dass Freud die beiden im Traum als Rivalen behandelt. Die Entstellung soll die beiden Freunde offenbar moralisch disqualifizieren, so dass ihre Titelchancen auf den Nullpunkt sinken. Damit steigen wenigsten für eine Nacht die Chancen des Kandidaten Freud. Der Traum ist die halluzinierte Erfüllung des Wunsches, Professor zu werden. Da die wirkliche Ernennung zum Professor bis 1902 auf sich warten lässt, setzt Freud Ende der neunziger Jahre seine Hoffnungen gänzlich auf die Wirkung seines wissenschaftlichen Werkes über die Deutung der Träume. In den Briefen wie in den Träumen geht es in dieser Zeit immer wieder um den Titel. In Anspielung auf den gemeinsamen Bekannten Josef Breuer schreibt Freud an Fließ: „Wenn das Traumbuch fertig daliegt, wird er sich über (…) die Fülle von Indiskretionen entsetzen können. Erst wenn der (allerdings unwahrscheinliche) Zufall mir einen Titel geschenkt haben sollte, wird er auf dem allerhöchsten Bauch liegen.“

Was aber ist das für eine Wissenschaft, die eine Theorie des Wunsches entwickelt, um den Professorentitel zu erhalten und diese Theorie mit Traummaterial begründet, in dem sich allenthalben der Wunsch erfüllt, Professor zu werden? Ist es tatsächlich so, dass hier der Wunsch die Theorie des Wunsches hervorgebracht hat? Der Wunsch, dass die Theorie des Wunsches die Erfüllung bringen möge? Diesen Gedanken legt Freud in den Briefen an seinen Freund nahe. Als ihn nämlich Fließ im Juni 1898 einmal nachdrücklich auffordert, einen der mitgeteilten Träume aus Diskretion nicht in das Buch aufzunehmen, da bittet ihn Freud: „Schreib mir wenigstens, an welchem Thema Du Anstoß genommen hast (…). Damit ich das von Dir Bezeichnete im Ersatztraum auslassen kann, denn ich kann mir solche Träume bei mir bestellen.“ Wenn Freud also Träume bei sich bestellen kann, die die Theorie des Wunsches als dynamischem Prinzip des Traumes bestätigen, ist das dann noch Wissenschaft? Eine selffulfilling theory? Oder ist das vielleicht gerade der Beweis der Richtigkeit der Theorie?

Studiert man die biografischen Dokumente, die Freud aus verständlichen Gründen der Nachwelt nicht überlassen wollte, dann stößt man auf weitere seltsame Verschränkungen von Theorie und Wunsch. Im Brief über den Professorentraum gibt Freud zu verstehen, dass auch das Ödipusthema in die Geschichte mit hineinspielt. Freud hatte dem Freund seine Ödipustheorie bereits früher erläutert, indem er aus seiner Selbstanalyse davon berichtete, dass es einmal einen Anfall kindlicher Libido „gegen matrem“ gegeben habe. Das Ödipusthema, die Beobachtung der infantilen Sexualität, bildet heute die populärste Frucht von Freuds Theorie. Sie ist aber auch auf den heftigsten Widerstand gestoßen, und solcher Widerstand reicht von Freuds exkommuniziertem Schüler C. G. Jung, der in Stammtischmanier tönte, dass sich doch kein Knabe von seiner „krampfadrigen, hängebauchigen“ Mama antörnen ließe, bis hin zu Deleuze/Guattari, deren Anti-Ödipus in den siebziger Jahren Köpfe verwirrte. Doch dass viele Menschen „auch in den Träumen schon sich zugesellt der Mutter sahen“, ist im Sophokles-Drama König Ödipus zu lesen.

Und auch nicht nur bei Sophokles. Das Traumbuch des Artemidorus von Daldis aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, das Freud an dieser Stelle nicht erwähnt, widmet dem (geträumten) Verkehr mit der Mutter ein ganzes Kapitel. Artemidor war ein berühmter Mann und konnte gewiss vom Deuten der Träume gut leben. Auch unsere Bibelgeschichte von Joseph und dem Pharao im ersten Buch Mose zeigt, welche Karrierechancen sich einem geschickten Traumdeuter boten. Artemidor gibt eine durch viele Varianten spielende Darstellung, welche Prognosen man aus Träumen ziehen kann, in denen sich der Träumer der Mutter zugesellt sieht. Es kommt nur darauf an, ob im Traum ein Verkehr mit der lebenden oder toten Mutter erfolgt, ob der Vater noch lebt oder auch verstorben ist, ob der Träumer Handwerker oder Politiker ist, ob er krank oder gesund ist, ob er in der Fremde lebt oder zu Hause.

Und zu den Varianten, die in Artemidors Prognostik weiter Berücksichtigung finden, zählen auch die Kontaktformen des geträumten Verkehrs: Liegt die Mutter unten (das sei artgemäß) oder oben (das ist zügellos). Oder wendet sie dem Träumer den Rücken zu, dann droht ihm die Abwendung aller Landsleute. Fellatio ist am schlimmsten. Sie führt zu allen nur denkbaren Verlusten: Tod der Kinder, Verlust von Hab und Gut. „Ich kenne jemand“, warnt Artemidorus, „der nach diesem Traumgesicht sein Geschlechtsglied verlor.“

Der Ödipustraum nach Freud bedeutet nichts als die universelle Tatsache des kindlichen Begehrens. Aber dieses Begehren verfällt dem Verbot der Kultur. Daher folgen auf die Übertretung des Verbotes die Strafen: im Drama des Sophokles die Selbstblendung des Ödipus und bei Artemidor der Verlust des Geschlechtsgliedes: Das Gesetz kastriert. Die Ödipusgeschichte ist aber nicht nur die Geschichte von Söhnchen, Papa und Mama, die Allerweltsgeschichte, sondern auch jenes Mannes, der Theben durch seinen Scharfsinn von dem Sphinxmonster befreite. Und nun ist der Augenblick gekommen, da wir die Geschichte von Freuds Ödipuskomplex, von einer weiteren seltsamen Verschränkung der Wünsche und der Wissenschaft erzählen müssen.

Freud hat sich bereits als Jugendlicher mit dem Rätsellöser Ödipus identifiziert. Das Lösen von Rätseln galt im alten Griechenland Homers und Heraklits als höchste Philosophenkunst. Vermutlich hat dieses wissenschaftliche Renommee des Rätsellösers Ödipus später als Namengeber für Freuds wissenschaftliche Rätsellösung empfohlen. So berichtet Freud in seiner Selbstdarstellung aus dem Jahre 1924: „In den Jugendjahren wurde das Bedürfnis, etwas von den Rätseln dieser Welt zu verstehen und vielleicht selbst etwas zu ihrer Lösung beizutragen, übermächtig.“ Natürlich übermächtigen nicht Bedürfnisse, sondern Wünsche das Subjekt, und die Erfüllung dieses Wunsches, buchstäblich ein Rätsellöser zu werden, durchzieht alle Zeugnisse, die Freud hinterlassen hat – die früheren Briefe ebenso wie die späten Abhandlungen. Lösen möchte Freud die Rätsel der Hysterie, des Traumes, der Verdrängung, des Weibes, des weiblichen Genitals, des Lebens, des Todes – mit einem Wort: das Rätsel der Sexualität.

Freuds Lösung für das Rätsel der Verdrängung ist nun der Ödipuskomplex. Nicht nur in der frühen Fassung der Traumdeutung nimmt Freud, der Rätsellöser, auf den Mann Bezug, der das Rätsel der Sphinx löste. Auch in einer späteren Antwort auf die Rätselfrage „Was ist der Kern der Verdrängung“ in Das Unbehagen in der Kultur erteilt er beinahe wörtlich dem Rätsellöser von Theben das Wort. Wie lautete denn noch die Rätselfrage der Sphinx? Welches Tier ist es, das von der vierbeinigen Gangart zur zweibeinigen und endlich zur dreibeinigen Gangart übergeht? Die Lösung: Es ist der Mensch, der als Kleinkind vierbeinig auf Händen und Füßen kriecht und nach der Phase der zweibeinigen Gangart im Alter einen Stock zur Hilfe nimmt.

Buchstäblich die gleiche Antwort gibt der Rätsellöser Freud auf die Rätselfrage nach dem Kern der Verdrängung. Die Verdrängung, die Kulturisation, ist der Übergang der vierbeinigen zur zweibeinigen Gangart: „Am Beginn des verhängnisvollen Kulturprozesses stünde also die Aufrichtung des Menschen.“

Der Übergang auf die zweibeinige Gangart ist der Verzicht auf die Sinnesdaten und auf die Kontakte, die dem Vierbeiner zugänglich sind. Eben auch auf solche (sexuellen) Kontakte, die nach Artemidor zum Verlust des Gliedes führen. Und was folgt auf die verhängnisvolle, nämlich mit dem Neurosenrisiko belastete Aufrichtung, auf die zweibeinige Gangart? Lesen wir richtig in Freuds Ödipusträumen, dann ist es die einbeinige Gangart. Die einbeinige Gangart? Wie geht man denn auf einem Bein? Einbeinig ist die Gangart der unsterblichen Rätsellöser. Sie stehen auf Säulen. Ernest Jones berichtet von der denkwürdigen Szene, die Freud zum Geständnis seiner jugendlichen Ödipusidentifizierung veranlasste. Zu seinem fünfzigsten Geburtstag hatten ihm Freunde und Schüler eine Medaille zum Geschenk gemacht. Auf ihrer Vorderseite war Freuds Profil im Basrelief zu sehen, auf der Rückseite die Nachbildung einer griechischen Zeichnung des Ödipus vor der Sphinx. Der Rätsellöser bei der Arbeit. Darunter stand in griechischen Schriftzeichen das Wort aus dem Sophokleischen König Ödipus: „Dies ist der Mann, der so tiefe Rätsel erforschte.“

Beim Anblick der Medaille und nach einem kurzen Blick auf die Inschrift zeigte sich Freud ganz offensichtlich tief bewegt. Er wurde blass, als sei ihm ein Geist erschienen, erzählt Jones weiter. Schließlich erklärte er den Umstehenden, warum ihn diese Worte so tief berührten: „Als junger Student sei er einmal um die großen Arkaden der Wiener Universität herumgegangen und habe die Büsten früherer Wiener Professoren betrachtet. Damals habe er sich in der Fantasie ausgemalt, dass dort seine künftige Büste stände (…), aber auch, dass darunter gerade diese Worte graviert seien, die er nun auf der Medaille vor sich sehe.“

Die Büsten, die auf einem Sockelfuß stehen, bewegen sich in der einbeinigen Gangart. Es ist die Schrittfolge der Unsterblichkeit. Der Sockel geht durch die Zeit. Aber das ist Freuds Traum. Ein Tagtraum zwar, aber der Professorentraum „Freund R. ist mein Onkel“ brachte es an den Tag. Es war ein Ödipustraum in zweifacher Hinsicht. Es war der Traum von der Rätsellösung, von der Lösung des Rätsels, das nach dem Tier des Übergangs von der vierbeinigen zur zweibeinigen Gangart fragte. Aber diese Aufrichtung, so lehrt die Theorie, ist die verhängnisvolle Entscheidung für die Verdrängung. Sie erfordert den Verzicht auf die Libido „gegen matrem“. Sie ist der Verzicht auf die Lösung des Rätsels, das ihr Leib dem Knaben stellt.

In diesem Moment erwachte in ihm der Wunsch, so erklärt es Freud, die dreibeinige Gangart zu überspringen und in die einbeinige Gangart des Ruhmes zu wechseln. Statt der sexuellen Neugierde nachzugeben, die wissenschaftliche Neugierde auf das Rätsel der Sexualität zu richten.

Welche Verstrickung! Welche rätselhafte Verklammerung von Kindlichkeit und reifer Wissenschaft! Und doch muss es für den Knaben ein schwerer Entschluss gewesen sein, denn das Leben als Forscher, das Leben als Rätsellöser ließ sich offenbar nicht ohne Zigarre ertragen. Denn was wird aus Ödipus, wenn er das Rätsel nicht löst? Wenn er scheitert? Er würde verschlungen vom Gelächter der Sphinx. Oder ist die Zigarre, die Stütze für Leben und Arbeit, eine Krücke und Zeichen der dreibeinigen Gangart, der Gangart am Rande des Todes?

Die Traumdeutung ist nicht nur die erste methodische Anleitung zur Interpretation des Traums, die erste kohärente Theorie des Unbewussten, das erste Modell des psychischen Apparates. Sie ist eine geniale einzigartige Theorie, wie das Unbewusste an schöpferischen Operationen beteiligt ist. Nicht nur die Traumdeutung kommt aus dem Unbewussten ihres Schöpfers, man kann sicher sein, dass auch Leonardo da Vincis Bilder, Kants Kritiken, Napoleons Schlachten, Einsteins Relativitätstheorie oder Allen Turings Universalmaschine unter Beteiligung des Unbewussten entstanden und aus den Dämmerungen der Träume emporstiegen. Und die Kunst, die Literatur, das Kino des 20. Jahrhunderts sind ohne die Traumdeutung gar nicht denkbar: weder Proust noch Joyce, weder der Surrealismus noch Dali, weder Benn noch Thomas Mann, weder Luis Buñuel noch Woody Allen. Alle Humanwissenschaften, Soziologie, Anthropologie, Ethnologie, Philosophie, Literatur- und Kulturwissenschaften, kommen um die Psychoanalyse nicht herum. Und selbst wenn sie sich, was häufig zu beobachten ist, gegen die Psychoanalyse verwahren, so sind sie eben genötigt, sich zu verwahren. Sie lässt sich nicht ignorieren.

Sie ist eine Macht geworden. Vielleicht auch eine Ohnmacht. Denn ohne Zweifel hat sie zu dem allgemeinen Krankheitsgefühl, zur Selbstpathologisierung unserer Gesellschaft beigetragen. Vielleicht ist sie, wie Karl Kraus spottete, die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält. Vielleicht träumen wir psychoanalytische Träume, weil wir den theoretischen Nötigungen dieses Buches verfallen sind. Zu Beginn der Arbeit am Traumbuch schrieb Freud an Fließ: „Von der intellektuellen Schönheit dieser Arbeit kann ich Dir keinen Begriff geben.“ Das hat sich nicht geändert. Vermutlich werden wir auch die nächsten hundert Jahre nach den Regeln der Traumdeutung träumen.

Im S. Fischer Verlag erscheint anlässlich des 100-jährigen Jubiläums ein Reprint der Erstausgabe der Traumdeutung, damals Verlag Franz Deuticke, Leipzig und Wien, in einmaliger Auflage.

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