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NZZ am Sonntag vs. Villiger

Unter dem Titel „Widerstand im Stumpenland“ schreibt ein offensichtlich nicht cigarrrenrauchender Redaktor der NZZ am Sonntag über den Medienlunch von Heinrich Villiger. Obwohl ich NZZ und NZZaS überaus schätze, scheint mir dieser Artikel ungewöhnlich tendenziös ausgefallen zu sein. Wenigestens hätte das Firmenkonglomerat von Villiger richtig erkannt werden sollen – es reicht weit, weit über den gutaltschweizerischen Stumpen hinaus.


30. Januar 2005, NZZ am Sonntag

Widerstand im Stumpenland

Heinrich Villiger, Tabakfabrikant, kämpft für die Genussraucher. Von Thomas Isler

Der Mann mag starken Tobak, auch bei der Öffentlichkeitsarbeit. «Endlich sagt es einer», steht auf der Einladung zum Medien-Lunch, den die PR-Agentur Stöhlker für Heinrich Villiger organisiert hat. Vom «Krieg gegen das Rauchen» ist da die Rede, «Wege aus der Unterdrückung» sollen aufgezeigt werden. Und weiter: Die Branche habe zwar volles Verständnis für den Jugend- und Nichtraucherschutz, «aber nicht, wenn geschäftliche Interessen auf dem Spiel stehen».

Heinrich Villiger, 74, ist nicht nur «Alt-Bundesratsbruder», wie ihn die PR-Agentur ohne jede Ironie annonciert, sondern Inhaber – und bis zum altersbedingten Rücktritt im Frühling auch operativer Leiter – der Villiger- Gruppe, die seit drei Generationen im Tabakgeschäft tätig ist. Sein Bruder Kaspar Villiger hat das Unternehmen 1989 verlassen, als er in die Landesregierung gewählt wurde.

Die Villiger-Stumpen kannte einst jedes Kind, Stumpenland hiess die aargauisch-luzernische Region südwestlich des Hallwilersees, wo das Domizil der Firma liegt. Der Stumpen ist eine Schweizer Erfindung, gewissermassen die Zigarre des kleinen Mannes, maschinell gefertigt und beidseitig coupiert. Und wer mit Stumpen Geld verdiente, musste stets mit Widrigkeiten kämpfen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Stumpen von der Zigarette bedrängt, die Branche musste 1925 ihre erste Imagekampagne schalten: «Sei ein Mann – rauche Stumpen und Zigarren». Im Zweiten Weltkrieg landete Villiger mit dem «Rio 6» einen Kassenschlager. Die Packung passte perfekt in die Patronentasche, die Schweizer Soldaten an der Grenze qualmten ohnehin mehr, als sie schossen. Aber dann begann der Niedergang des Stumpens. Die letzte Werbung datiert aus den siebziger Jahren – kernige Kerle in Bergsteigerkluft oder Kampfanzug, die «Villiger Export» rauchen. In einem Interview klagte Heinrich Villiger einst über das steigende Alter seiner Kundschaft: «Wenn ihnen der Arzt das Rauchen verbietet oder wenn sie sterben, verlieren wir einen Konsumenten – ersatzlos.»

In den neunziger Jahre haben Yuppies und junge Frauen im Deux-Pièces ihre Liebe zur teuren Zigarre entdeckt und den Trend gekehrt. Von der Villiger-Homepage ertönen heute jazzig verwehte Pianoklänge. Aber schon droht neue Gefahr, mächtiger als jede Konsumentenlaune: In Bern brütet der Direktor des Bundesamtes für Gesundheit, Thomas Zeltner, über Plänen, die strengen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation in der Schweiz anzuwenden. Heinrich Villiger sieht sich als Opfer eines Kreuzzugs, der doch der viel schädlicheren Zigarette gelte. Grosse Warnungen auf der gelben Schachtel mit den krummen Virginias? Schockbilder auf der Zigarrenkiste? Undenkbar! Und kostentreibend. Während die Zigarettenindustrie stillhält und auch Burger/ Dannemann, die zweite noch weltweit tätige Schweizer Tabakfirma, den öffentlich Auftritt scheut, hält Heinrich Villiger am Medien-Lunch trotzig die urliberale Devise hoch: «Eigenverantwortung statt Verbote!». Fast alleine, wie er sagt, muss er auf den Unterschied zwischen Sucht und Genuss hinweisen und erklären, dass der Rauch der Zigarre im Gegensatz zu jenem der Zigaretten basisch sei, nicht sauer. Welchen Unterschied dies freilich für den Passivraucher ausmachen soll, bleibt unklar.

Heinrich Villiger hat sich zu seinem Medien-Lunch auch einen SVP-Nationalrat als Laut- und Fürsprecher eingeladen, zu dem er später anerkennend sagt: «Schade, dass Sie nicht in unserer Industrie tätig sind.» Der zigarrenrauchende Ulrich – «so weit sind wir schon in diesem Land» – Giezendanner schlägt routiniert den Bogen von Werbeverboten und Gängelung der Bürger hin zur neuen Promillegrenze im Strassenverkehr und den geschröpften Automobilisten und gelobt dann feierlich ewigen Widerstand gegen «den profilneurotischen Herrn Zeltner» («das können Sie ruhig schreiben»), sollte dieser ihm je das Rauchen am Arbeitsplatz verbieten.

Auch Zigarrenfabrikant Villiger geht im Büro mit gutem Beispiel voran. Sind es Tausende? Oder sind es Zehntausende Zigarren und Stumpen, die Heinrich Villiger an seinem Pult schon in Asche und Rauch verwandelt hat? Als er während seiner Rede husten muss, sagt er sofort: «Kein Raucherhusten! Durchzugshusten.» Er lobt das Nikotin, als Substanz, die zugleich beruhige und anrege. Im Büro, um 21 Uhr, entzünde er täglich seine letzte Havanna, die gebe ihm nochmals einen Kick, bis dann jeweils seine Frau anrufe und frage, ob er heute noch nach Hause komme. Als Gefangener des Tabaks sieht er sich aber keineswegs. «Ich bin nicht süchtig», vertraute er einst den «Schaffhauser Nachrichten» an, «beim Velofahren rauche ich nicht.»

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