Aficionado Verschiedenes

Report vom Festival und über Kuba


(Hilda Baro, Chefin von Partagas)

Eine unterhaltsame Gratwanderung zwischen Klischees und kubanischer Realität von der BZ am Sonntag.

Will man Havanna richtig begreifen, muß man die Zigarre verstehen. Ein BZ am Sonntag-Report vom „Festival de Habanos“

KUBA. Hier raucht der letzte Rest vom Kommunismus
KATRIN JÄGER und FRANK ZAURITZ

Männer neigen hin und wieder zur Übertreibung. Die jungen Väter zum Beispiel, die zu Maximilian Herzog am Ludwigkirchplatz 1 in den Laden kommen.

Sie wollen oft die Längste. Und die mißt im edlen Berliner Zigarren-Geschäft genau 70 Zentimeter. Besonders gut schmeckt sie bei dieser Größe nicht, „es ist eher ein Gag“, sagt der Berliner Zigarrenpapst und Geschäftsinhaber Maximilian Herzog. Aber so sind sie halt – die jungen Väter. Wer sollte es ihnen übel nehmen.

José Castelar Cairo ist alles andere als ein junger Vater. Er ist 60 Jahre alt, längst Großvater und seit 43 Jahren Zigarrendreher. Auch er will die Längste. Die Allerlängste. Die Zigarre, die er gerade wickelt und walzt und am Ende nicht einmal rauchen wird, soll 20 Meter lang werden – das ist Weltrekord. José kennt sich aus mit Rekorden. Er rollt schon sein drittes Meisterstück. 11,04 Meter und 14,06 hat er schon geschafft. Und auch jetzt, sagt er, könne nichts mehr schief gehen. Seine weißen Zähne leuchten in seinem schwarzen Gesicht, der Goldring an seinem Finger glitzert. Der Mann ist stolz. Der Mann ist Kubaner. Und wir? Sind in Havanna.

Maximilian Herzog, der Berliner Zigarrenimporteur, ist auch da. Er schwitzt und dampft. Denn hier „rauche ich quasi nonstop.“ Ganz anders als zu Hause in Berlin. Da ist die Zigarre, was sie in Deutschland sein muß: ein Stuben-Genußmittel, das in Ruhe geraucht werden will. Herzog besucht das Festival de Habanos. Es findet jedes Jahr im Februar oder März statt und ist das Großereignis rund um die Zigarre. Hier treffen sich die Großen der Branche, hier wird geredet, verglichen, gefachsimpelt und geraucht.

Für Nichtraucher sicher nicht gerade einladend. Für normale Touristen vielleicht auf den ersten Blick unwichtig. Doch eines ist sicher: Will man Havanna richtig begreifen, muß man die Zigarre ein bißchen verstehen. Sie ist Symbol, Synonym und ganz und gar ein Teil von Kuba.

Das fängt schon mit dem Klima an. Die Tabakpflanzen wachsen in der feucht-warmen Luft hervorragend, die fruchtbaren Böden tun ihr übriges. Das wichtigste Anbaugebiet befindet sich in der Provinz Pinar del Rio, im Südwesten Kubas. Wer eine der Tabakplantagen besucht, sieht mehr als nur grüne Pflanzen, die – wie unsere Tomate – zur Familie der Nachtschattengewächse gehören. Er sieht vor allem die hohe Kunst des Trocknens. Die noch grünen Tabakblätter hängen – aufgefädelt und genau abgezählt – in großen Trockenhäusern. Danach wandern sie braun und welk in die nächsten Verarbeitungshallen. Dort schütteln Männer sie auseinander, dann werden die weiter getrocknet, gelagert, getrocknet.

Dann kommt etwas, das nur Frauen können. Denn, so erklärt es die Plantagen-Chefin, nur Frauen hätten das nötige Feingefühl, wenn es darum geht die sogenannte Mittelrippe vom Blatt zu trennen. Und auf Feingefühl kommt es an, beim Zigarren-Machen.

Die sensiblen Frauen sitzen in einem großen Raum an Holzbänken. Wind, der durch die nur mit Säcken verhangenen Fenster weht, sorgt für frisches Klima. An den Wänden kleben handgeschriebene Pappschilder „Für unsere Zukunft, benutze Kondome!“, „Nicht rauchen!“ oder „Die Jugend geht immer voran“. Jugendlich auch das Antlitz von Che Guevara auf dem legendären schwarz-weiß Foto, das uns, von mindestens fünf Wänden herab, ernst und schön ansieht. Aus mit Holz verkleideten Lautsprechern schräpelt Kubanische Musik à la Buena Vista Social Club. Ein kleines Schuldmädchen wartet geduldig auf seine Mutter, die Frauen reden und lachen, das Mädchen lächelt auch. Überhaupt wird viel gelächelt auf Kuba.

Auch der Berliner Zigarren-Importeur Herzog tut es in diesen Tagen sehr oft. Kein Wunder, denn beim Gang über die Festival-Messe sieht er nur Dinge, die er liebt. Edle Homidore aus Holz, in denen die teuren Tabakprodukte aufbewahrt werden, antike Bücher über das Rauchen und natürlich Zigarren, Zigarren, Zigarren.

Er selbst ist ihnen verfallen, als er erst 14 Jahre alt war. Seine Mitschüler waren Raucher, die Raucherecke war cool, und er der coolste, als er seinen ersten braunen Stumpen paffte. Herzog blieb dabei, Zigaretten nennt er abfällig „Streßbegleiter“. Er studierte Philosophie, Psychologie weiß deshalb genau, was für ein Produkt er den Berlinern warum verkauft.

Und was ist mit der Erotik? Spielt die bei der Zigarre nicht auch eine entscheidende Rolle? „Wissen Sie, Sigmund Freud hat schon gesagt: „Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre‘.“

Hilda Baro ist groß, schwarz, eigentlich in Eile, aber gerade auf dem Weg in diese andere Dimension. Sie ist die Geschäftsführerin von Partagas, der ältesten und bekanntesten Zigarrenfabrik Havannas, und macht Werbung für ihre Marken. „Wir feiern 160jähriges Jubiläum“, erzählt sie und schaut ernst. „Ja, es wird zu diesem Anlaß eine neue Zigarre geben.“ Sie beantwortet Fragen. Wie viel Monatslohn bekommen die 160 Frauen und Männer, die bei ihr rollen, sortieren, verpacken. „Kann man schlecht sagen, das ist unterschiedlich, es gibt ja auch Sonderleistungen.“ Wie viele Zigarren dürfen die Zigarrendreher mit nach Hause nehmen? „Drei, davon muß eine schon angezündet sein.“ Sie sitzt gerade, das Gesicht ist müde, ob sie fürs Foto eine Zigarre rauchen könnte? Sie tut es – leicht widerwillig – und dann ist sie plötzlich eine andere. Die Augen, sie werden ersten eng, um sie vor dem Rauch zu schützen, dann glänzen sie. Sie lächelt, zeigt ihre weißen Zähne, schaut die Zigarre im Großformat an und sagt in breitem Spanisch: „Die Welt gehört den Frauen.“

Mittags-Spaziergang am Malekon, der berühmten Ufermauer von Havanna. Fünf bis sieben Kampfhunde tummeln sich zwischen den badenden Kindern, eine Dogge mit Pitbullkopf kommt auch noch dazu. Musiker hocken oben auf der Mauer und singen „El Kommandante“, ein Pärchen knutscht, zwei Straßenfeger machen ihren trostlosen Job auf dem grauen, schmucklosen Asphalt. Die Häuserfassaden an der anderen Straßenseite bröckeln nicht nur, sie stehen kaum noch, auf dem Touristenmarkt gibt es bunte Fidel-Castro-Figuren aus Ton und Fotoapparate aus Cola-Dosen.

Wir cremen uns die Schultern mit Sonnenmilch ein, kaufen eine grüne Fidel-Mütze mit rotem Stern, noch ein paar Cohibas für die Lieben daheim und lächeln den Musikern zu. Manchmal ist Kuba eben einfach nur Kuba.

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