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Ps. Potsdamer Neueste Nachrichten hat heute Alternativen zu den kürzlich vorgestellten Zeit-Reisen präsentiert: Kuba mit dem Fahrrad.

Cohibas bei Kerzenschein (PNN online)

Hunderte von Orchideen in der Sierra: Eine Radreise im Westen Kubas vermittelt die Schönheit der Insel – und die Sorgen der Bewohner

Von Marion Hütter

Wer aus dem Westen Berlins kommt, für den beginnt eine Kubareise mit einem seltsamen Déjà vu auf dem Flughafen: Die Grenzkontrollboxen aus hellgrauem Plastik gleichen exakt denen, die mal an der Friedrichstraße standen – nur die Uniformen der gelangweilten Kontrolleure sind dunkler und an den Türen steht nicht „Ausgang“, sondern „Salida“. Hinter ihnen beginnt eine andere Welt …

Was für Farben! Das Braun ist erdiger, das Grün satter, das Rot intensiver als wir es kennen. Der erste Blick auf Äcker, Palmen und Blüten macht die Bedeutung des Wortes „sonnendurchflutet“ mit Händen greifbar. Kuba leuchtet. Wer hier mit dem Fahrrad unterwegs ist, sollte große Vorräte an Sonnencreme mit zweistelligem Faktor dabeihaben. Auch im Winter sinken die Temperaturen tagsüber selten unter 24Grad im Schatten.

Mehrere Wege führen von La Lisa, einem kleinen Vorort Havannas, wo unsere Reise beginnt, nach Westen zum Naturpark Sierra del Rosario. Das erste Stück fahren wir auf der Autopista, einer Schnellstraße. Klingt wie eine skurrile Idee – für eine Fahrradgruppe. Doch diese Autobahnen auf Kuba sind ideale Fahrradwege, breit und wegen des Benzinmangels nahezu leer. Nur selten überholt ein Lastwagen, nicht ohne vorher schon aus einiger Entfernung zu hupen. Kein Grund, sich zu erschrecken – außer über den Zustand der jahrzehntealten Gefährte. Die Hupe sagt auf Kuba nur so viel wie „Hola, ich bin da und werde dich weiträumig umfahren.“ Dann rufen und winken Dutzende Männer, Frauen, Kinder, die sich auf der rostigen Ladefläche zusammengequetscht haben – die auf Kuba übliche Art, von einem Ort zum anderen zu gelangen. Touristen auf Mountainbikes hingegen sind noch immer eine seltene Attraktion.

„Warum mietet ihr euch kein Auto?“, fragt der alte Mann an einer Tankstelle mit ungläubigem Blick auf die keuchenden Touristen mit ihren schwer bepackten Rädern. Das sei doch viel bequemer. Aber bequem wollen wir es nun mal nicht haben, auch wenn „Sierra“ für Berge steht und die sind ja bekanntlich die Feinde der Radfahrer. Doch die Sierra del Rosario lohnt den hohen Puls an steilen Rampen: Hier leuchten viele hundert verschiedene Orchideenblüten, das Örtchen Soroa wird wegen des nahen Orchideengartens – es ist der zweitgrößte der Welt – auch der „Regenbogen Kubas“ genannt.

Im Ort selbst allerdings ist dieser Kosename schnell vergessen, in Soroa herrscht Tristesse. An der gewundenen Dorfstraße stehen baufällige Häuschen und windschiefe Holzhütten. Jugendliche langweilen sich grüppchenweise am Straßenrand. Im einzigen Laden gibt es hauptsächlich meterweise Schlauch zu kaufen, dazu ein paar Konserven. In der gähnend leeren Cafeteria des Ortes aber bietet eine freundliche Verkäuferin für wenige Pesos eine gelungene Mischung aus Brot und Sandkuchen. Trotz lähmender Armut: In Kuba wird nicht gehungert, der Staat subventioniert die Grundnahrungsmittel. Ausländer kaufen normalerweise nicht mit nationalen Pesos in kleinen Dorfläden. Sie zahlen in der harten Zweitwährung des Landes, den so genannten Pesos convertible. Mit der Touristenwährung ist fast alles zu bekommen, auch Saft, Kekse und Shampoo, allerdings nur in speziellen Geschäften, den „Dollarshops“. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Devisenbringer Kubas geworden. Nicht nur für den Staat …

„Langostinos, Langostinos“, so zischelt es an jeder Straßenecke und aus vielen Hauseingängen. In Viñales – 100Kilometer oder zwei kleine Tagestouren weiter westlich – ist man auf Touristen eingestellt. Die Holzhäuser mit breiten Veranden verraten relativen Wohlstand. „Langostinos“, das ist das Angebot der Einwohner von Viñales an ihre Gäste: Hummer, frisch zubereitet in der heimischen Küche für acht bis zehn Pesos convertible pro Person. Das ist natürlich illegal: Wer ein Privatrestaurant, ein Paladar eröffnen will, braucht die Erlaubnis der Behörden, und die ist schwierig zu bekommen. Deshalb gibt es keine Werbung, keine Schilder an den Hauseingängen, nur die wieder und wieder geflüsterten Angebote, die jeden Touristen begleiten.

Unser Gastgeber heißt Omar. Er ist in den Dreißigern, spricht ein bisschen Englisch und lächelt bei fast allem, was er sagt. Wir folgen ihm zu seinem Haus außerhalb von Viñales. Die Gegend wird einsamer, hier ist am späteren Abend kaum noch ein Mensch auf der Straße. Und dann verlischt plötzlich das Licht in allen Häusern. Keine Panik, nur der tägliche Stromausfall auf Kuba. Es wird still, Omar wirkt plötzlich angespannt. Uns überkommt ein mulmiges Gefühl: Sind wir hier wirklich nur auf dem Weg zu einem inoffiziellen Paladar? Später schämen wir uns für unser Mißtrauen.

Unser Gastgeber ahnt offensichtlich nichts von unserer Erleichterung, als nach einigen Minuten die Lichter wieder angehen. Stolz präsentiert er das karge, aber blitzsaubere Esszimmer seines kleinen Hauses inmitten von Tabakfeldern. Hier wohnt Omar gemeinsam mit Frau und zwei Töchtern. An den Wänden hängen Bilder, die hat sein Bruder gemalt und sollen ebenso verkauft werden wie die Zigarren, die wir probieren dürfen. Und dann – beim Schein einiger Kerzen, weil der Strom erneut ausgefallen ist – essen wir den bisher besten Hummer unseres Lebens. Am Ende des Abends sind wir überzeugt, dass das Essen in den staatlichen Restaurants nur wenig mit der kubanischen Küche zu tun hat.

Das Tal um Viñales sieht aus wie eine Spielzeuglandschaft, in die jemand übergroße spitze Steine gesteckt hat. Die „Mogotes“, die steil aufragenden, schroffen Kegelfelsen entstanden vor 150Millionen Jahren und sind die älteste geologische Formation der Insel – scharfkantige Überbleibsel aus der Urzeit. Um die steinernen Fremdkörper herum aber ist das Viñales-Tal eine flache, intensiv genutzte Kulturlandschaft. Auf roten Feldern schimmern grün-silbrig Tabakpflanzen. Hier wachsen die künftigen Cohibas und Montecristos heran – dieses Tal gilt als bestes Anbaugebiet für Tabak weltweit.

Rund 25 Kilometer weiter, am Rande des Tabaktales, liegt die Tabakstadt: Pinar de Rio, von ihren Einwohnern liebevoll „Pinal“ genannt. Auch hier dreht sich alles um Zigarren – hier werden sie gedreht. In der Halle in der „Fábrica de Tabacos Francisco Donatién“ sitzen zirka 100 Frauen in Fünferreihen. Mit dem Pult des Lector de Tabaquera, des Vorlesers, an der Stirnseite erinnert der Raum an ein übergroßes Klassenzimmer.

„Bitte nicht stören und nicht ansprechen“, erinnert der freundliche Mann von der Fabrik, der uns herumführt. Die Frauen erhalten Akkordzulage, die Höhe verrate man nicht. Akkordlohn auf der sozialistischen Insel? Ja, bestätigt er, und übermäßiger Ausschuss werde vom Lohn abgezogen. Dies sei nun mal die effektivste Art der Produktion. Eine erstaunliche Aussage in diesem Land.

So halten wir uns zurück und beobachten in gebührendem Abstand wie aus braunen fermentierten Tabakblättern sorgfältig gerollte Zigarren entstehen, die mehrmals auf Schönheitsfehler kontrolliert, nach Farbe sortiert und in Kisten verpackt werden. Doch für die Tabakarbeiterinnen ist der Kontakt zu Touristen anscheinend um vieles lukrativer als die Akkordzulage. Sobald der Aufpasser sich umdreht, werden wir angesprochen, bekommen geflochtene Armbänder aus Tabakstängeln und erwartungsvolle Blicke. Auch hier geht es um Pesos convertible, die Währung, für die man alles kaufen kann.

Wie das Tabakgeschäft, so ist auch die Tabakstadt „Pinal“ mit ihren 125 000 Einwohnern voller Gegensätze: An den Kreuzungen begegnen Pferdewagen liebevoll gepflegten Chevrolets aus den fünfziger Jahren, Mopeds und Fahrräder umkurven „Camellos“ – riesige Sattelschlepper, die zum Bus umfunktioniert mehr als 300 Leute transportieren können. Es gibt Plattenbauten und hochherrschaftliche Häuser mit Arkaden, einfache Bretterbuden stehen neben klimatisierten Mobilfunkgeschäften. Das Prinzip Potpourri hat in dieser Stadt eine lange Tradition. Schon 1914 entstand der Palacio Guasch mit griechischen Säulen, ägyptischen Hieroglyphen und mittelalterlichen Wasserspeiern neben Art-déco-Fragmenten – eine architektonische Kuriosität, die viele Besucher anzieht.

Westlich von Pinar del Rio sind nur noch wenige Touristen unterwegs. Die Straßen sind löchriger, die Moskitos angriffslustiger und Quartiere mit akzeptabler Hygiene für größere Reisegruppen schwierig zu finden – auch für Menschen, die sich nicht über Frösche in der Dusche und andere Kleinigkeiten aufregen. Doch der Blick über die Laguna Grande entschädigt für vieles. Und die Strecke an der Westküste, wo zwischen Meer und Mangrovenwäldern handtellergroße Krebse die Fahrbahn kreuzen, zählt zu den intensivsten Erinnerungen dieser Tour.

Nach rund 1000 Kilometern Fahrt durch den Westen der Insel, durch die Sierra und am Meer entlang, vorbei an Tabak-, Zuckerrohr- und Bananenfeldern, wirkt Havanna wie eine Stadt von einem anderen Planeten. Das alles bestimmende Bild der Landwirtschaft ist plötzlich vergessen: In Kubas Hauptstadt kann man noch etwas ahnen vom Glanz der ehemals reichen Metropole. Bereits im 18. Jahrhundert entstanden hier koloniale Stadtpaläste, prunkvolle Herrenhäuser, breite Prachtstraßen, sowie – auf Sumpfland und mit Barockfassade – die Kathedrale von Havanna.

Doch die Stadt der Säulen bröckelt – das Weltkulturerbe zerfällt. Zwar hat das Sanierungsprogramm der Unesco einige Straßenzüge der Altstadt gerettet – ein schwacher Trost angesichts der maroden Bausubstanz in der gesamten Stadt. So viel Verfall ist nicht mehr malerisch. Kommen nicht bereits alle Sanierungsprogramme zu spät? Unser Rat: Besuchen Sie Havanna, solange es noch steht!

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